Dies ist eine Geschichte über meinen Urururgroßvater, den aus Holz stammenden Bergmann und Arbeitnehmervertreter
 Johannes Meiser (1855 - 1918)

“Entdeckungsreisen ins Saarrevier 1915 - 1955“, herausgegeben von Reinhard Klimmt, Klaus Michael Mallmann, Gerhard Paul und Ralph Schock. Erschienen 1987 im Dietz-Verlag, Bonn. Wir drucken den Beitrag mit freundlicher Genehmigung des Autors, der Herausgeber und des Verlages nach.

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Der katholische Holzer Bergmann
 Johann Meiser nebst Gattin.

Der Bergmann Johann Meiser, geboren 1855 in Holz und gestorben 1918 ebenda, hat mit seinen Lebenserinnerungen ein Zeitdokument von hohem Wert hinterlassen. Mit seiner Frau Anna Maria Kraus, die er 1882 heiratete, hatte er zehn Kinder, vier Töchter und sechs Söhne, von denen einer noch in Holz lebt.

Holz gehörte zu jener Übergangszone zwischen dem engeren, dicht besiedelten Industrierevier und dem weiteren Revier mit noch dörflichem Charakter. Johann Meisers Vater, selbst Bergmann, besaß ein kleines Prämienhaus der ersten Generation, dessen Einrichtung der Autor zu Beginn beschreibt:

„Unser Wohnhaus war klein und einstöckig. In der Mitte eine kleine Küche mit dem unzertrennlichen kleinen Backofen. Auf demselben der Feuerherd mit der so genannten Hohl, einer Kette mit Haken, woran der große eiserne Futterhawen zum Kochen für das Vieh gehangen wurde. Dann war noch der eiserne Dreifuß, welcher auf das Herdfeuer gestellt wurde, auf dem gekocht und die guten Pfannkuchen geschmort wurden. Links von der Küche war unsere Wohn- und Schlafstube. Sie war viel zu klein für unsere Eltern und uns 8 Kinder. Einen Kleiderschrank hatten wir nicht. Eine Kiste, ein altes Erbstück, worin das Wichtigste aufbewahrt wurde, den Hochzeits-Zylinder des Vaters und die Sonntagsbänderkapp der Mutter, die wichtigsten Papiere und in einem angenagelten Kistchen die paar Notgroschen. Ferner befand sich noch darin 1 kleiner Tisch, 1 Bett mit Vorhang für unsere Eltern und das jüngste Kind.

Dann war noch ein viereckiger Kasten, an welchem vier kleine Räder waren. Des Morgens wurde der Kasten unter das Bett gerollt und des Abends wieder heraus. Dies war unser Rollbett. Es war mit Stroh, alten Kleidern und Lumpen ausgefüllt. In diesem Himmelbett lagen nun die 3 größten in der Mitte, 2 unten quer und loben quer und alle schliefen den Schlaf des Gerechten.“

In der Schule fiel der kleine Johann Meiser durch frühes Lesen und Schreiben und gute Auffassungsgabe auf. Sein Lehrer setzte ihn deshalb oft als „Hilfslehrer“ ein, was ihn von Seiten seiner Mitschüler Neid und Erpressungen einbrachte. Seinen Eltern empfahl der Schulmeister, den Jungen doch Lehrer werden zu lassen. Aber als kurz nach seiner Schulentlassung 1870 der Vater starb, musste er „den Schulmeischder an den Nagel hängen“. Mit einem Bietschieder Bauer, bei dem er zunächst als Kuhhirte arbeitete, kam er bei dessen Fuhr- und Spann- diensten für das deutsche Heer im Krieg 1870/71 durch Lothringen und sah viele verwundete und sterbende Soldaten.

Nach seinem 16. Geburtstag begann sein Bergmannsleben in Hirschbach und Altenwald mit einer 12-stündigen Schicht am Fördersieb. Da aber der Anmarschweg mehr als 2 Stunden betrug, ging er über Winter ins dortige Schlafhaus bzw. in Privat- quartiere. Hier erlebte der junge Johann Meiser erstmals die Entfremdung von der häuslichen und dörflichen Geborgenheit, insbesondere wenn die Quartiersfrau sich an seinem Brot ver- griff oder ihn die Wanzen plagten.

Den frühen Kulturkampf und die Auseinandersetzung um „die Muttergottes von Marpingen“ sah Johann Meiser ganz aus der Sicht des jugendlichen katholischen Gemeindegliedes: Die preußische obrigkeitsstaatliche Unterdrückung des Marpinger Wallfahrtsfiebers, die Drangsalierung und Hausdurchsuchung, Verhöre und Verhandlungen gegen die Geistlichen registrierte er ebenso aufmerksam wie die Solidaritäts- und Trotzreaktionen der Katholiken, die nun auf der Suche nach religiöser Vergemeinschaftung die Gottesdienste überfüllten. In Heusweiler standen die Gläubigen Sonntags „im Gang, in der Sakristei, auf dem Hochaltar und draußen vor der Kirche“, aber der „hoch- würdige Herr Eich nahm sie alle unter seine Fittiche“.

Als Johann Meiser auf seiner neuen Arbeitsstelle in Von-der- Heydt das „gefährliche Kohleschießen“ kennen lernte, „sehnte er sich schon bald nach Befreiung und Erlösung“, die er dann in seiner Musterung und Militärdienstzeit in Trier erfüllt sah. Aber gerade dort musste er den „Kulturkampf in der Kaserne“ am eigenen Leibe spüren, wenn die protestantischen preußischen Offiziere und Unteroffiziere auf niederträchtige Weise gläubige Katholiken psychisch terrorisierten. Dabei musste er wie später in seiner Arbeitswelt -erleben, dass für viele seiner Glaubensgenossen das Bekenntnis zur Kirche nicht über die heile Welt der religiösen Kulturgemeinschaft hinausreichte. Vermutlich lag in dieser für ihn enttäuschenden Erfahrung mit ein Grund, warum er später trotz vieler Merkmale eines typischen katholischen Bergmanns einen individuellen Weg ging.

Nach seiner Ausmusterung entwarf er mit seiner Mutter den „Zukunftsplan“, wonach er „nur noch so lange bei ihr bleiben würde und die zwei jüngsten Brüder erziehen helfe, bis sie groß und selbständig seien“. Mit dieser Quasi-Vaterrolle als einziger Ernährer in der Restfamilie mit der kränklichen Mutter und drei Geschwistern übernahm er Verantwortungen, die anderen Jungbergleuten vor ihrer Heirat erspart blieben. Damit war für ihn Familie kontinuierlich, auch in den späteren Jahren seiner eigenen Ehe, eine intime Gemeinschaft mit gegenseitiger Verantwortlichkeit.

Draußen aber erfuhr Johann Meiser während seiner 24 Arbeitsjahre die ganze Härte und Ausbeutung unter der uneingeschränkten Despotie der kapitalistischen preußischen Staatsbe- triebe. Unter den vielen Drangsalen war ihm erwähnenswert, dass die einzelnen „Kameradschaften“ sich gegenseitig die Gedinge heruntersteigerten, „so dass sehr wenig verdient wurde“; dass zur acht- oder zwölfstündigen Arbeitszeit und je einstündiger Ein- und Ausfahrt noch zeitweise zweieinhalb Stunden Hin- und Rückweg täglich kamen; dass es viele „ungetreue Bergbeamte“ gab und vor allem solche, die ihn als Zentrumswähler aus politischen Gründen „auf schlechte Arbeit verlegten“.

Stark betroffen war er von den menschenunwürdigen Zuständen bei der Ausfahrt nach der Schicht: „Die Belegschaft musste beim Schichtwechsel 100 Meter vom Schacht entfernt stehen bleiben. Zur festgesetzten Minute fuhr der Aufsichtführende Steiger von Tage nach unten und pfiff auf einer Signalpfeife, dann stürmte alles mit elementarer Gewalt nach dem Schacht.

Eines Samstags war ich dabei, dass bei dem Sturme nach dem Förderschacht ein dort stehendes Grubenpferd umgerissen und über dasselbe weggetreten wurde. Wehe dem armen, müden Bergmann, der sich gesetzt hatte. Es wurde über ihn weggestampft wie über das genannte Pferd. Drei Meter vor dem Schacht war ein starkes, stählernes Seil auf beiden Seiten in die Steinwand eingelassen. Die Vordersten wurden nun mit voller Wucht gegen das Drahtseil gedrängt, so dass viele ohnmächtig wurden.“

johann202Am tiefsten erschüttert aber war Johann Meiser durch die großen Grubenunglücke. Nach dem Maybacher Unglück 1890 (25 Tote) musste er mit zweien seiner Brüder und einem weiteren Kameraden, die gefährlichsten Stellen aufräumen und verbauen. Hier fanden wir fast jede Schicht Gliedmaßen der zerstückelten Bergleute, welcher unser Kamerad in einem zu diesem Zweck mitgebrachten Kästchen heimlich auf dem Kirchhof zu Friedrichsthal beerdigte.“

Als Hauptursache für die Schlagwetterexplosionen gab Johann Meiser neben dem entzündlichen Kohlenstaub die Verletzung von Sicherheitsbestimmungen durch die Bergleute selbst an. Sie öffneten verbotenerweise die Sicherheitslampen, wenn sie erloschen, und zündeten sie wieder an, um somit den langwierigen Austausch über Tage zu sparen. Und die Kohlenhauer besorgten sich bei den Gesteinshauern Schießmaterial, um das aus Sicherheitsgründen vorgeschriebene Schrämen und Niederkeilen zu ersparen und schossen trotz Verbotes auch beim Kohleabbau.

Dass Johann Meiser über viele Jahre mit einem oder gar zweien seiner Brüder auf der gleichen Grube arbeitete, mag für ihn ein sozialer Halt unter den schweren Bedingungen gewesen sein, ausreichend zur Stabilisierung seiner Persönlichkeit, zur Gewinnung der ihm eigenen friedfertigen Gelassenheit war es nicht. Den wahren Ausgleich für alle die Unterdrückungen, Erniedrigungen und Ausbeutungen, die er wochentags erleiden musste, fand er halt in seiner katholischen Kirche.

Das heilige Abendmahl war ihm Erlösung und Sinnmitte. Der Bau des Gotteshauses in Holz sowie die „guten Werke“ der jeweiligen hochwürdigen Herren waren für ihn zentrale Ereignisse. Durch den frühen Tod seines Vaters mag die Autorität der Geistlichen für ihn von besonderer Bedeutung geworden sein. Sie, die „alle Schuldbeladenen liebten“, konnten ihm moralische Maßstäbe setzen, strafen und hatten zugleich die Macht, durch den Ritus der Eucharistie zu erlösen.

Die Priester waren für ihn sogar unter schlimmsten Verdächtigungen über jeden Zweifel erhaben. „Wie oft“, sagte er, „habe ich die verleumdeten Geistlichen in Schutz genommen und verteidigt auf dem Grubenwege und in der Grube, auch gegen einige Beamte. Und meine katholischen Kameraden schwiegen dazu aus Furcht, sie könnten sich missliebig machen.“

Seine Haltung zum katholischen Vereinswesen war hingegen die eines Einzelgängers. Weder von einer Mitgliedschaft in einer religiösen Barbara-Bruderschaft noch in einem der mehr geselligen Knappenvereine hören wir etwas. Dabei war er in seinen Jugendjahren durchaus bescheidenen Vergnügungen zugetan, Wirtshausbesuchen und Kirmesfeiern, soweit ihm das geringe Taschengeld, das ihm damals die Mutter als Oberhaupt des „Familienrates“ gab, dies erlaubte. Aber ernste Raufereien und Rohheiten, wie sie zumindest im engeren Revier jener Zeit unter den Bergleuten beklagt wurden, waren für ihn nie ein Ventil aufgestauter Wut gegen Unterdrückung und Knecht- schaft im Arbeitsleben. Dennoch erinnerte er sich mit Schmunzeln jener harten Späße bei Zechereien am Zahltag, als er noch als Schlepper in Altenwald arbeitete. „Dort wurde an der ersten Schicht überhaupt nie gearbeitet.

Nach dem Verlesen wurde die Arbeit und die Belegschaft für den Monat eingeteilt. Nun gingen die Kameraden mit ihrem Schlepper nach Schnappach, wo Portionen gegessen und ein Fass Bier getrunken wurde auf Kosten und Rechnung des Schleppers. Dann wurde gesungen, gejohlt und zum Schluss die Hermeskeiler aus der Scheide gerissen. Nun gab es blutige Köpfe, natürlich nur zum Spaß. Die Holzer Bergleute, zirka 30 Mann, kehrten an der ersten Schichte regelmäßig und vollzählig in Quierschied beim Wirt und Schuhmachermeister Woll (Schupitt) ein. Die Meisterin hatte schon beizeiten die Koteletts in der Pfanne geschmort für die zu erwartenden Holzer. Auch hier das übliche Schauspiel wie in Schnappach. Auf dem Nachhauseweg Grimmes (Bergmanns stock, d. V.) hoch, natürlich nur zum Spaß und Zeitvertreib, wenn’s auch blutige Köpfe gab.“

Die von der Bergbaubehörde eingebrachten ständischen Rituale, wie spezielle Tracht und Musik oder bergmännischer Gruß und Gebet, waren für Johann Meiser nicht bedeutsam. Vielleicht hatte er die dahinter stehende Absicht, damit die Negativseiten des Berufes sentimental zu übertünchen und eine Identifizierung mit dem „königlich-preußischen“ System zu erzielen, durchschaut.

Wichtig war ihm aber das private Gebet vor der Schicht. „Jeden Morgen gingen wir um ½ 3 Uhr von zu Hause weg. Sobald wir nun aus unsern Wohnungen traten, machte jeder das Kreuzzeichen und betete den Rosenkranz an den Fingern still, jeder für sich. Keiner wechselte dann ein Wort mit dem andern bis zur Grube, außer wenn andere Bergleute auf dem Wege uns trafen.“ Von der gesamten Bergmannstracht erwähnte er nur die Mütze und erklärte ihren sonderbaren Zusammenhang mit den „Heiratschancen“: Vor dem großen Streik 1889, als die Zwölfstundenschicht üblich war, trug man eine so genannte ,,12-stündige Bergmannskapp. Sie war vorne hoch und hinten geklappt und mit einer Kokarde und Schlegel und Hammer darüber verfahren.“

Als der Streik die 8-Stundenschicht gebracht hatte, kam wieder die frühere in Mode. Sie war „ein niedliches rundes Käppchen, vom und hinten hoch mit Rand, ähnlich dem Infanterie-Zündhütchen (Feldmütze)“ und wurde „die Achtstündige“ genannt. Den Bauern in der Umgebung waren in jener Zeit bargeldentlohnte Bergleute im Prinzip willkommene Schwiegersöhne. Sie sollten jedoch nach der Arbeit dem Schwiegervater in der Landwirtschaft helfen können, was zur Zeit der strapaziösen zwölfstündigen Schichten kaum möglich war. „Kam nun vor dem Streik 1889 ein heiratsfähiger Bergmann mit der l2-stündigen in die Nähe eines Bauernhauses, um die Bekanntschaft der Tochter des Bauern zwecks baldiger Heirat zu machen, so schlug der Bauer dem Betreffenden zornig die Tür vor der Nase zu.“ Nach dem Streik“ wurde die l2-stündige in die Rumpelkammer geworfen. Nun war der Bergmann des Nachmittags um 3 Uhr zu Hause, auch nicht so müde und abgehetzt und konnte sofort nach dem Essen dem Schwiegervater unter die Arme greifen. Und so verhasst die l2-stündige bei den Bauern früher war, so beliebt wurde nun die 8-stündige denselben. Der mit heiratsfähigen Töchtern gesegnete Bauer schlug nun nicht mehr dem Freier die Türe vor der Nase zu, sondern öffnete sie sperrangelweit und rief seinen Töchtern zu: „Schnell alles in Ordnung und die Pfanne aufgestellt und du Bärwel lauffscht schnell und holscht 2 Flasche Bier.“

Johann Meiser selbst hatte bereits 1882 geheiratet, eine Bergmannstochter aus Fischbach. Und sein ganzes Sinnen und Trachten galt von da an vornehmlich seiner Familie. Über die sicherlich vorhandenen Gefühlsbeziehungen zu Frau und Kindern schreibt er kaum, wohl aber über das gemeinsame Bestreben, über die existentielle Daseinsfürsorge hinaus zu bescheidenem Wohlstand zu gelangen.

Die durch die Realerbteilung bedingte zunehmende Parzellenzersplitterung in den dortigen Dörfern hatte auch den landlosen Bergarbeitern den Schrittweisen Erwerb von Kleinsteigentum als Ausweg aus dem größten Elend ermöglicht. Dies gelang aber nur demjenigen, der die in der Arbeitswelt erzwungene und von der Kirche unterstützte Selbstdisziplin, Fleiß und Sparsamkeit bis zum äußersten, teil- weise sogar auf Kosten der Gesundheit, zu steigern wusste. Johann Meiser erinnerte sich: „Als wir 1 Jahr verheiratet waren, kauften wir unser jetziges Haus, und wir waren sehr glücklich, da wir nun ein eigenes Haus mit einem Morgen Obstgarten besaßen.“ Die Abzahlung der 500 Taler für das Haus und später für zwei Kühe, Wagen und weitere Grundstücke gelang, „weil wir sehr sparsam waren“, und „zur Hälfte vom Obsterlös“. Hierbei nahm, wie in vielen kleinbäuerlichen Bergmannsfamilien, seine Frau neben ihrer Rolle als Mutter von zehn Kindern extreme Belastungen auf sich. „Meine Frau“, schrieb er, „fuhr das Obst in einem Kinderwagen nach Quierschied, Sulzbach und Dudweiler auf den Markt. Da sie das Pfund immer 3 Pfg. billiger wie die Händler verkaufte und auch besser wog, war sie regelmäßig in einer Stunde ihre Ware los. Später fuhren wir zusammen mit unsern 2 Kühen und dem Wagen bloß nach Quierschied und lösten immer ein schönes Stück Geld.“ Über das Motiv all dieser Anstrengungen erfahren wir nichts. Wenn es nicht wie bei den meisten ähnlich Bestrebten der Drang nach sozialem Ansehen in der Dorfgemeinschaft durch Besitz war, so darf man zumindest das Motiv der Vorsorge für die Kinder annehmen, die damit später schon alle über einen eigenen Bauplatz verfügten.

So gelang Johann Meiser etwas nicht gerade Typisches, nämlich den Proletarisierungsprozeß, der seit Beginn des 19. Jahrhunderts die kleinbäuerlichen Sippen fortschreitend bedrohte, in seiner Generation aufzufangen und teilweise umzukehren.

Sein soziales Ansehen im Dorf basierte aber vor allem auf seiner Tätigkeit als „Winkeladvokat“, indem er mit seiner Schreibfertigkeit und seinem Bürgerlichen Gesetzbuch vielen Leuten aus Holz und Umgebung bei Gesuchen und Bittschriften half, bei Armen gar gegen ein“ Vergelt’s Gott“. Über die Verwendung des Gewinns schrieb er: „Den Reinertrag nach Abzug von Tinte, Feder, Papier und Büchern trug ich pünktlich am ersten Sonntag im April jeden Jahres zu unserm hochwürdigen Herrn Pfarrer Fuchs für Kerzen an Josefs-Altar und Herz-Jesu-Statue, und ich war nur froh, wenn meine Schriften Erfolg hatten, und sie hatten Erfolg.“

Der bescheidene Erfolgsstolz und die mit dem Kerzenopfer verbundene jenseitige Hoffnung waren ihm hier wichtiger als weitere Besitzvermehrung.

In der „großen Streikzeit“ war Johann Meiser ein junger Hausvater mit drei kleinen Kindern. Sich in der Bewegung aktiv zu beteiligen, war nicht ungefährlich, da den Bergleuten bei politischer Unbotmäßigkeit Entlassung drohte. Deshalb standen in den vorderen Reihen der Streikbewegung vorwiegend Unverheiratete, für die eine Ablegung nicht den Ruin einer gerade mühsam aufgebauten häuslichen Existenz samt der Familie be- deutete. So hat Johann Meiser, der die inhaltlichen Forderun- gen der Streiks durchaus unterstützte, zwar die Ereignisse mit Interesse verfolgt, ohne sich jedoch mehr als unter direkter solidarischer Streikhandlung notwendig in die Geschehnisse ein- zuschalten. Dass er innerhalb der ganzen Bewegung die Ver- dienste katholischer Geistlicher hervorhob, ist verständlich, z.B. die des Kaplan Dasbach, während „besonders der Vorstand (des Rechtsschutzvereins, d. V.) ins rote Fahrwasser gesegelt“ war; oder z.B. die des „stillen und feinfühlenden hoch- würdigen Herrn Pastor Lawen von Sulzbach“, dessen beschlagnahmte Schrift „Der Sang von Lao Fumtse“ sich Johann Meiser besorgen konnte und studierte.

Nicht ohne Bewunderung, aber doch etwas distanzierter, wenn nicht gar ironisch, sprach er vom Bergarbeiterführer Nikolaus Warken, genannt „Eckstein“: „Nun wurde unser Eckstein das Fundament unserer Erlösung und Befreiung, der Held des Tages.

Er wurde in allen Tonarten gefeiert und tituliert. Sofort bemächtigten sich die Händler, Krämer und Erfinder der neuen Lage, und nun gab es Eckstein-Pfeifen, -Zigaretten, -Mützen, -Tabak, -Würstchen, -Hustenstiller, appetitanregende und Stuhlgangfördernde Ecksteinpillen und -pillchen.“ In ähnlicher Weise schilderte er den Bau des Rechtsschutzsaales in Bildstock: „Um nun ein bleibendes Andenken an die Befreiung aus Knechtschaft und Sklaverei ihren Kindern und Kindeskindern zu überlassen, beschloss der hohe Rat einstimmig, in Bildstock, dem Sitz und Urheber der Befreiung, zwar nicht einen Turm wie die Babylonier, der bis zum Himmel reichen sollte, jedoch ein Vereinshaus zu bauen, indem jedes Mitglied so und so viele Backsteine aus seiner Heimat, nicht mit der Fuhre, sondern auf seinem früher geknechteten Buckel beitragen musste. So zogen oder vielmehr pilgerten Ortsgruppenweise die Pilger aus jeder Gemeinde, jeder beladen mit zwei oder vier hart- gebrannten Backsteinen, die sie mit dem Pickelseil zusammengebunden hatten, den Ecksteinkloben schmauchend oder Befreiungslieder singend, dem Bildstock zu.“

Die konkrete Erfahrung, dass durch solidarisches Handeln der Bergarbeiter etwas an den kapitalistischen Arbeitsverhältnissen zu ändern war, hat Johann Meisers Grundauffassung nicht erschüttert, dass alles, so wie es ist und geschieht, einem göttlichen Ordnungswillen entspreche. Dies wird besonders bei der Schilderung eigener Arbeitsunfalle deutlich. Auf Grube Heinitz z.B. glaubte er seine Rettung vor einem herabstürzenden tödlichen „Sargdeckel“ seinem „heiligen Schutzengel“ zu verdanken, „zu dem (er) immer vor der Schicht ein kleines Gebet richtete“.

Beim Maybacher Unglück waren er und sein Bruder gerade von der Früh- auf die Mittagsschicht umgefahren und wurden so „durch einen Zufall, in Wirklichkeit aber durch die Fügung des lieben Gottes vom Tode gerettet“. Und als er im Februar 1902 selbst von einem herabstürzenden Felsstück getroffen wurde, ins Lazarett kam und schließlich pensioniert werden musste, begann sein Bericht darüber mit den Worten: „Als nun das Maß voll war und ich durch die Behandlung überdrüssig wurde, tat unser lieber Herrgott mich gewaltsam in den Ruhestand.“

Nach seiner Pensionierung erwarb er in Holz eine Kiesgrube, die er mit Frau, Töchtern und Söhnen, aber auch mit angestellten Stundenarbeitern systematisch abbaute, so dass er vom Erlös weiteres Land erwerben konnte. Als er nun als „feiner Mann“ beneidet wurde und sich fast wegen seines Besitzes genierte, deutete er auch diesen mühsam erarbeiteten Erfolg als göttliche Lenkung. Und als er obendrein in dieser Kiesgrube noch ein abbaufähiges Flöz bester Brennkohle entdeckte und dadurch „Grubenbesitzer“ geworden war, schaute er hinüber nach Camphausen und betete: „Oh du grundgütiger Gott. Alles hast du wohl gemacht, so wohl, dass ich ausrufen möchte: Es ist genug.“

Darum fand er auch, als er 1911 als 56jähriger durch einen Schlaganfall linksseitig gelähmt wurde, eine religiöse, für ihn versöhnende Deutung, die das ob seines Besitzes geplagte Gewissen beruhigte: „Auch dafür danke ich dem lieben Gott von ganzem Herzen. Es kam und kommt mir heute noch so vor, als wollte der liebe Gott zu mir sagen: Nun hast du übergenug für den Leib gesorgt, jetzt ist es an der Zeit, dass du auch für deine arme Seele sorgst.“

Und dann begann er, an den Stuhl gefesselt, seine Lebenserinnerungen zu schreiben. Mit religiöser Sinndeutung und dem Blick auf seine Familie schloss er auch zum Kriegsende 1918, wenige Tage vor seinem Tode, seinen Bericht: „Nun ist unser aller sehnlichster Wunsch erfüllt. Unsere Söhne kamen alle, so wie wir es immer wünschten und vom lieben Gott erhofften, gesund an Leib und Seele, so wie sie von uns fortgingen, auch wieder nach Hause. Ihm sei Lob und Dank.“

Als letzter Bergmann der Familie lebt noch der Bergbauingeniuer Josef-Peter Meiser in Lebach, geboren am 26.08.1959 in Quierschied und bis zu seinem 24. Lebensjahr noch im Eigenheim in Holz gewohnt. Dann durch Hochzeit und Arbeit damals als stellv. Abt. Steiger nach Lebach gezogen. Ebenso ist er auch Mitglied des Betriebsrates Ensdorf und früher Göttelborn und auch somit in die Fußstapfen seines Urgroßvaters getreten.

Josef Meiser hat nur noch einen Bruder Peter, der aber nicht im Bergbau tätig ist, sowie mich, seinen Neffen Markus Meiser als letzten Vertreter der Familie.

Quelle ist das Holzer Bilderbuch vom Oktober 1988 Herausgeber SPD

Dies sind die beiden Wappen der Meisers

Meiserwappen1

Dieses Wappen stammt von George M. Meiser IV und ist in J.B: Rietstaps "ArmorialGeneral" von 1884 verzeichnet.

Meiserwappen2

Und dieses Wappen stammt aus dem Buch "Grosses Wappen-Bilder-Lexikon" , das im Weltbild-Verlag erschienen ist.

Weitere Informationen zur Herkunft des Namen "Meiser" findet ihr auf
 
www.meisernet.de unter ‘The Meiser Page’

 

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